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NEUE WEGE DER PROFESSIONSFORSCHUNG

Der nachfolgende Entwurf dient als Grundlage zur Programmdiskussion in der Sektion Professionssoziologie, an der sich zu beteiligen alle Mitglieder eingeladen sind:

Gegenüber der anhaltend intensiven internationalen Diskussion zur Professionssoziologie fällt auf, dass in der deutschsprachigen soziologischen Debatte das Phänomen der Professionalität eher (beiläufig) mitbehandelt als seiner multidimensionalen Bedeutung entsprechend thematisiert wird. Dies ist vermutlich nicht zum wenigsten dem Umstand geschuldet, dass ‚Professionssoziologie’ hier nach wie vor lediglich als Teilgebiet einer im Kanon soziologischer Spezialisierungen ohnehin randständigen Berufssoziologie verortet wird. Die institutionelle Etablierung der Professionssoziologie - als Research Network ‚Sociology of Professions’ innerhalb der European Sociological Association (ESA) und als Research Committee on Sociology of Professional Group RC 52 innerhalb der International Sociological Association (ISA) - ist allerdings ein deutlicher Hinweis darauf, dass es sich bei dieser Randständigkeit um ein Spezifikum des deutschsprachigen Raums handelt.

Die Marginalität, die der Professionssoziologie derzeit, nach einer (relativen) Hochphase von den 50ern bis hinein in die 70er Jahre des zwanzigsten Jahrhundert, im deutschsprachigen Raum eignet, steht aber auch in einem eigentümlichen, möglicherweise jedoch symptomatischen Missverhältnis zur (Dauer-)Präsenz und Beliebtheit der Etikettierung von Handlungs- und Verhaltensweisen als ‚professionell’ im alltäglichen Sprachgebrauch. Jedenfalls bestimmt die überkommene (soziologische) Professionsforschung - im Unterschied zum weiten Bedeutungshof, welcher ‚Professionalität’ im Alltag umgibt und in welchem beispielsweise Effizienz und Effektivität und mithin Kriterien relevant sind, die aus professionssoziologischer Sicht gar nicht als professionsspezifisch gelten - ihren Gegenstand relativ rigide: Nicht nur gelten ihr Professionen lediglich als ein Sonderfall von Berufen, ihr thematischer Fokus ist überdies oft begrenzt auf das Spektrum der sogenannten ‚klassischen’ Professionen (Medizin, Jurisprudenz). Diese Engführung wurzelt - auch historisch - in der Deutung (und Bedeutung) von Profession als institutioneller Ausprägung jener Logik der Organisation von Arbeit, welche wesentlich durch das Moment der kollegialen Selbstkontrolle gekennzeichnet ist. Das Prinzip kollegialer Selbstkontrolle wiederum erscheint als begründet dadurch, dass Standards und Qualität einer professionellen Tätigkeit nicht ‚von außen’, sondern nur im Rekurs auf - wesentlich qua formalisierter Ausbildung und praktischer Erfahrung in der Anwendung erlangte - adäquate Kompetenz(en) beurteilt, kontrolliert und (dergestalt) gesichert werden können. Professionen gelten dergestalt als Berufe, welchen im Hinblick auf Zugangs-, Qualifikations-, Ausübungs- und Erwerbschancen ein besonders hohes Maß an Autonomie und (infolgedessen) auch an gesellschaftlichem Ansehen und Einfluss eignet.

Dabei lässt sich allerdings kaum noch ignorieren, dass der aus dem Bemühen um eine trennscharfe Charakterisierung des Gegenstands resultierende Disput darüber, welchen Berufsgruppen aufgrund welcher Merkmale nun tatsächlich der Status einer Profession zuzusprechen bzw. abzuerkennen sei, längst nur noch selten erkenntnisgenerierende oder gar richtungweisende Impulse gibt. Gegenüber diesem eher ‚statischen’ Professionsverständnis erweitert sich bereits mit der Zuwendung zu ‚Professionalisierung’ im Verstande der Herausbildung von Professionen bzw. der Entwicklung von Berufen zu Professionen der Blick um Prozesse sozialen Wandels. Überdies erweitert der Begriff der Professionalisierung den thematischen Fokus in mindestens zweierlei Hinsicht: auf der einen Seite geraten damit individuelle Sozialisationsprozesse, d.h. das Einüben des einzelnen in professionelles Handeln sowie die Ausbildung bzw. Übernahme eines professionellen Habitus, in den Blick, auf der anderen Seite eröffnet sich damit der Anschluss an aktuelle Diskussionen, die in den Sozial- und Kulturwissenschaften gegenwärtig unter den Schlagworten ‚Expertengesellschaft’ bzw. ‚Wissensgesellschaft’ geführt werden. Theoretische und empirische Studien zum Phänomen der Professionalisierung erweitern die Perspektive der Professionsforschung zudem auf aktuelle Entwicklungen in sozialen und pädagogischen Berufen zum einen und auf aktuelle Tendenzen in solchen Berufsfeldern (z.B. Medienberufe, ingenieurale und andere technisch ausgerichtete Tätigkeiten) zum anderen, welche bis anhin von der überkommenen Professionssoziologie weitgehend ausgeblendet wurden.

‚Professionalität’ schließlich lässt sich als eine Zuschreibung begreifen, die keineswegs ‚einfach’ aus Professionszugehörigkeit hervorgeht, sondern welche vielmehr - im Verstande einer spezifischen, institutionalisierten Kompetenz - die Deckung der Komponenten ‚Befugnis’, ‚Bereitschaft’ und ‚Befähigung’ voraussetzt. Die Frage, aufgrund welcher (Arten und Weisen von) Darstellungen wir Akteuren Professionalität attestieren, eröffnet dergestalt ein noch weitgehend unergründetes Forschungsterrain, auf dem z.B. alltagssprachliche Konnotationen der Attribuierung und Qualifizierung von Haltungen und Handlungen als ‚professionell’ keinesfalls ignoriert werden dürfen.

Insgesamt umreißen diese - damit lediglich ansatzweise skizzierten - Begriffsdimensionen von ‚Profession’, ‚Professionalisierung’ und ‚Professionalität’ allenfalls den Kern des thematischen Feldes, das sich einer Professionsforschung erschließt, welcher nicht (nur) ein institutionelles, sondern ein genuin handlungstheoretisches Verständnis des Professionellen zugrunde liegt. Und eben einer solchen - bislang impliziten - ‚Programmatik’ folgend, hat sich die disziplinenübergreifende Zusammenarbeit von Soziologen, Erziehungswissenschaftlern, Psychologen, Politikwissenschaftlern, Kommunikationswissenschaftlern und Wirtschaftswissenschaftlern - zunächst im 1997 gegründeten informellen Arbeitskreis ‚Professionelles Handeln’, der 2005 von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie als Arbeitsgruppe akkreditiert wurde, die schließlich im Oktober 2006 als Sektion Professionssoziologie anerkannt wurde - als ausgesprochen fruchtbar und inspirierend erwiesen: Die Fragen, mit denen sich die Sektion vor allem im Rahmen von Workshops und Tagungen befasst - wie etwa der nach der Bestimmung professionellen Handelns, der nach dem Verhältnis von Organisation und Profession, der nach Professions- ebenso wie nach Karrierepolitiken, der nach Gemeinwohlorientierung als Maxime professionellen Handelns, nach der Konstruktion von Professionalität im beruflichen Alltag, nach der Professionalisierung sozialer, pädagogischer, pflegerischer Berufe, nach der Symptomatik professioneller Leistung und nach den Konsequenzen von Entstaatlichung aus professionssoziologischer Perspektive -, zeugen vom gemeinsamen Bemühen, die Professionsforschung (wieder) an virulente Themenkreise in den Sozialwissenschaften ebenso wie in der Öffentlichkeit heranzuführen.

Als Netzwerk einschlägig befasster Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler aus der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und der Schweiz bietet die Sektion Professionssoziologie eine organisatorische Basis für das Anliegen, die sozialwissenschaftliche Befasstheit mit Professionen, Professionalisierung und Professionalität wiederzubeleben und damit deutschsprachige Beiträge zur internationalen Debatte zu befördern, die in dieser explizit vermisst werden. Dieses Anliegen korrespondiert allerdings mit der Einsicht, dass eine solche Befasstheit, soll sie zeitgemäß sein und der internationalen Debatte entsprechen, sich keineswegs erschöpfen kann in Berufssoziologie, sondern dass Professionalität - allein schon im Rahmen der Soziologie betrachtet - ‚quer’ liegt zu Problemstellungen etwa der Arbeits-, der Wirtschafts- und der Organisationssoziologie, dass sie wenigstens ebenso starke Bezüge aber auch aufweist zur Politischen Soziologie, zur Wissenssoziologie und zur Wissenschaftssoziologie und dass sie natürlich auch vielfältig korrespondiert mit der Soziologie Sozialer Ungleichheiten, der Bildungssoziologie, der Biographieforschung usw.